laudationen

Laudatio von Kathrin Ensinger zur Ausstellung "harmonie im quadrat"

– quadratische Harmonie, harmonische Quadrate; Harmonie in Farbe – farbige Harmonie, harmonische Farbe

Der Suche nach Harmonie, dem Gefühl von Harmonie werden Sie, liebe Gäste, in der Ausstellung, die es heute zu eröffnen gilt, auf Schritt und Tritt begegnen. Was Sie hier sehen werden sind natürlich fertige Kunstwerke, aber sie haben – gemeinsam mit der Künstlerin – einen langen, ganz eigenen Weg zurückgelegt. Dieser Weg nimmt schon früh seinen Anfang und beginnt, wen wird es wundern, natürlich mit Liz selbst. Nun möchte ich Ihnen allerdings nicht die altbekannte Geschichte einer Künstlerin erzählen, die bereits von Kindesbeinen an keinen anderen Wunsch hatte als zu Malen; die in der Schule Geschichte lieber in Bilder gebannt hat, als Zahlen und Fakten zu lernen; die für ein Bild eine schlechtere Note bekam, weil die Lehrerin davon überzeugt war, dass dieses nicht selbst gemalt war. Dies wäre die Geschichte einer Frau, die nie etwas anderes werden wollte als eine Malerin und stets zielstrebig darauf hingearbeitet hat, das zu werden, was sie heute ist: eine Künstlerin mit einem eigenen Atelier, eigenen Ideen, eigenen Vorstellungen von Farben, Material und Formen, die sie auf ihre ganz eigene Weise umsetzt.
Für mich liegt das Spannende und sogar Ermutigende ihrer Geschichte eher darin, dass sie dieses Ziel auf Umwegen erreicht hat, es vielleicht sogar erst spät für sich als Ziel entdeckt hat, nachdem sie zunächst Dekorateurin und Mediengestalterin gelernt hatte, geheiratet hatte und zwei Söhne zur Welt gebracht hatte. Von ihren drei Männern stets rat- und tatkräftig unterstützt, hatte sie es freilich nie ganz aus den Augen verloren: seit 1994 ist sie bereits Mitglied im Malkreis Tiengen, wo sie so vieles über Maltechniken und Farben gelernt hat, dass sie lange Jahre Kurse an der Volkshochschule Hohentengen und der Kindermalschule in Tiengen leitete.
Doch erst als sie gemeinsam mit zwei Kolleginnen ein Atelier in Tiengen gründete und sich dort einen eigenen Raum für ihre Kunst schaffte, war wohl die Zeit gekommen: sie kündigte ihre Anstellung in der Druckerei in Schaffhausen und begann, sich ausschließlich der Malerei zu widmen. Einige Zeit später entdeckte sie dann in den Malkursen einer Leipziger Künstlerin ganz neue Möglichkeiten, Farben und unterschiedlichste Materialien einzusetzen.
Schon immer hat sie sich Zeit für ihre Bilder genommen, ging und geht viel auf Wanderschaft – mit dem Skizzenbuch als ihrem wichtigsten Begleiter. Ihre Motive fand und findet sie vor der eigenen Haustür so zahlreich wie in fremden Ländern, beim Umherwandern so gut wie bei stiller Beobachtung; ihre unmittelbare Umwelt ist ihr ebenso Inspiration wie Empfindungen und Stimmungen in ihrem Inneren. Nun halfen ihr die neu erlernten Techniken im Umgang mit Farbe und Material, diese Stimmungen ins Zentrum ihrer Malerei zu rücken und sie auf sehr unmittelbare, zunehmend abstrakte Weise auf der Leinwand erscheinen zu lassen.
Ich sage bewusst, etwas erscheint auf der Leinwand, denn ebensowenig, wie man voraussagen kann, welche Richtung Stimmungen einschlagen, so wenig stand am Anfang dieser Bilder eine klare Vorstellung davon, wie sie am Ende aussehen werden oder gar aussehen sollen. Und damit wären wir bei dem Weg der Bilder, von dem ich eingangs sprach. Liz lässt ihre Bilder entstehen, in dem sie Schicht für Schicht, ihren Empfindungen und Gefühlen folgend, Farben und unterschiedliche Materialien auf die Leinwand aufträgt: vielleicht werden Sie ebenso überrascht sein wie ich, dass neben Acryl und Öl auch Bitumen, Kaffee, Asche, Kreide, Kohle, Wachs und manches andere auf die Leinwand kommen und für ganz unterschiedliche, erstaunliche Effekte sorgen. Indem sie diese Schichten übereinanderlegt, legt sie gleichsam Konturen, Muster, Bruchstücke, Formen frei. Diese entwickeln eine Art Eigenleben, welches sie auch dann nicht aufzugeben scheinen, wenn die letzte Schicht aufgetragen, ein Motiv gefunden und das Bild am Schluss fixiert ist. In diesem Prozess verändert sich das entstehende Bild ständig, allmählich kristallisiert sich immer deutlicher ein Motiv heraus, welches so lang ausgefeilt wird, bis… – ja, bis die Harmonie (wieder)hergestellt ist und sich im Bild widerspiegelt: als Harmonie in Quadrat, Harmonie der Farben und Formen, die zuweilen leer erscheinen und doch gerade dadurch den Raum und die Weite, die Ruhe und Stille erzeugen, die es braucht, um eigenen Emotionen, Assoziationen, Fantasien ihren freien Lauf zu lassen.
Die Schichten aber bleiben sichtbar und hauchen dem Bild Leben ein, verändern es, je nachdem aus welcher Entfernung, bei welchem Licht, aus welchem Blickwinkel man es betrachtet.
Wenn Sie nun durch die Ausstellung gehen werden und nach einem Zugang zu den Bildern suchen, so folgen Sie vielleicht einfach dem Prinzip der Entstehung dieser Bilder: suchen Sie nicht angestrengt nach einem Motiv oder auch nur nach einer Form. Lassen Sie sich Zeit bei der Betrachtung, so dass vor Ihren Augen etwas entstehen kann – Konturen, Muster, Form(en), Motiv(e). Trauen Sie Ihren ganz persönlichen Assoziationen. Die meisten Bilder haben keinen Titel, also sind Sie frei zu sehen, was immer Sie entdecken können. Und wenn Sie NICHTS entdecken, nichts außer Harmonie und Stille, oder nur Stille, oder nur Harmonie, oder keines von beidem, nun, auch dann sind Sie gedanklich mittendrin in der Beschäftigung mit einem Bild oder auch einer Gruppe von Bildern – und wer weiß, wo diese Sie hinführt.

Laudatio von Dietmar Hosp zur Ausstellung "struktur der natur"

Liebe Gastgeber vom Öpfelbaum, liebe Gäste, liebe Freunde und vor allem, liebe Liz

Als du mich gefragt hast, ob ich heute anlässlich deiner Ausstellung ein paar Worte sagen möchte und dass dich das sehr freuen würde, musste ich nicht lange überlegen: „Alte und beste Kiesgrubenfreunde lässt man selbstverständlich nicht im Stich!“ Wenn Ihr euch nun fragt, „ja, hatten die armen Kinder denn keinen Sandkasten?“, dann kann ich euch beruhigen. Wir haben uns nicht schon bei Schäufelchen und Förmchen kennengelernt, sondern einige Jahre später, als die Interessen schon anders gelagert waren und man die alte Kiesgrube in Geißlingen zum legendären Festplatz gekürt hatte.
Genauso gut hätte ich aber auch sagen können „Alte und beste Öpfelbaumfreunde lässt man nicht im Stich“. Denn wo war man, wenn es geregnet oder der Winter wieder Einzug gehalten hatte? Natürlich genau hier, im „Ö“. An dieser Stelle, liebes Öpfelbaum-Team, einen ganz herzlichen Dank an Euch im Allgemeinen, für die tolle Plattform, die Ihr der Kultur und dem Beisammensein von Menschen seit vielen Jahrzehnten hier bietet und einen ganz herzlichen Dank im Besonderen, dass Ihr Liz mit ihren Bildern und dieser Vernissage erneut in Eure Räume eingeladen habt.

Aber nun zu Dir, liebe Liz. Liz Marder-Etspüler ist im Klettgau in Geißlingen aufgewachsen und über Ihr Alter sei nur verraten, dass es natürlich das beste ist. Liz ist verheiratet und hat 2 erwachsene Söhne, sie lebt in der kleinen Gemeinde Günzgen bei Hohentengen. Schon ihre Berufswahl der Dekorateurin zeigt, dass sie dem Gestalterischen und Musischen von Beginn an sehr zugetan ist. Über Ihre Schulzeit kann ich leider nichts sagen, aber es steht zu vermuten, dass Mathematik von ihr nicht das Prädikat „Lieblingsfach“ erhalten hat – oder, Liz? Später hat sie einige Jahre als Mediengestalterin gearbeitet und dabei immer mehr ihre Leidenschaft zur Kunst entdeckt und gelebt. Diese Leidenschaft hat sie gezielt geschult und entwickelt, sei es durch die langen Jahre als Mitglied im Malkreis Tiengen oder durch gezielte und teils individuelle Weiterbildungen. Sie war an der Schule für Gestaltung in Zürich, hat mehrere Seminare in der Fabrik am See in Horn und an der Freien Kunst Akademie in Augsburg, bei der Künstlerin Ines Hildur, besucht. Schon 1997 hat Liz begonnen, ihre Bilder auszustellen, zuerst in Gruppenaustellungen und dann, seit 2009, in jährlicher Regelmäßigkeit mit Vernissagen hier in der Region, aber auch schon über diese Grenze hinaus in Freiburg. 2010 hat Liz zusammen mit zwei weiteren Künstlerinnen, auch Malerinnen, in der Tiengener Altstadt in der Weihergasse das Atelier „kunst haus tiengen“ gegründet. Dort kann man sie meist an 3 Tagen in der Woche antreffen und sie hat mir verraten, dass sie trotz der Entfernung immer sehr gern in das Atelier geht – dieser bewusste Abstand von der Umgebung zu Hause ist eine der wichtigen Quellen, aus denen ihre Inspiration fließen kann.

„Kälte im Winter“
Ich selbst bin ja kein ausgeprägt kunstsinniger Mensch und schon gar kein Maler. Wenn bei mir von beruflicher Seite Kreativität gefordert ist, dann muss sich diese innerhalb von ziemlich klaren technischen und wirtschaftlichen Regeln bewegen – was für mich aber auch absolut gut so ist. Die einen – (also ich) – finden eben nach kurzer Analyse heraus, warum der Thermosflaschen Inhalt in die Handtasche getröpfelt ist und die anderen – (hier nenne ich jetzt keinen Namen) – haben wahrscheinlich in einem Moment hoher künstlerischer Inspiration oder Konzentration, einfach nur die Dichtung falsch rum auf den Thermosflaschenstöpsel montiert. Ich war also sehr sehr gespannt auf den Besuch bei Liz im Atelier und das Unbekannte, das mich dort erwarten sollte. Wie entsteht so ein Gemälde, welche Gedanken gehen da durch ihren Kopf, welches Material, welche Techniken werden da eingesetzt und warum gerade diese? Zuerst einmal – lernte ich – fängt es ja gar nicht im Atelier an. Bilder beginnen zu entstehen im täglichen Leben, auf Spaziergängen oder auf Reisen. Diese Eindrücke gelangen manchmal als Skizzen oder im Kopf und oft mehr noch im Bauch mit ins Atelier, wo das Material auf seine Verarbeitung wartet. Manchmal findet sich aber dann das passende Material noch nicht und es braucht die Lust und Freude am Experimentieren. Liz stellt sich dann also wohl die Frage: „What else?“ und einige Gedanken später verwandelt sich der so beworbene Kaffee in eine tiefbraune Grundierung auf der Leinwand… (ich darf Ihnen an dieser Stelle verraten, dass genau diese Farbe in den meisten der hier ausgestellten Werke, wenn auch nicht immer direkt sichtbar, vorhanden ist). Und wenn die klassischen Utensilien wie Wachse, Kreiden, Kohle oder Stifte immer noch nicht ausreichen, dann gibt es ja auch noch die Asche aus dem Ofen, ein Steinmehl (vielleicht selbst gewonnen in besagter Kiesgrube) oder ein getrocknetes Baumharz. Mit Acryl oder auch reinen Farbpigmenten kombiniert, in vielen, ungezählten Schichten aufgetragen und komponiert, manches Mal auch verworfen und vielleicht Wochen später wieder anders arrangiert, entstehen dann diese faszinierenden Strukturen, die Liz mit dem Titel der heutigen Vernissage „Struktur der Natur“ treffend ausdrückt und die sie uns mit ihren Bildern zeigen möchte.

Und wo ist die Natur? Ich denke, das ist trotz aller Abstraktheit unschwer zu erkennen. In jedem Bild ist die Natur, draußen, in ihrer reinen und meist unberührten Form thematisiert. Nicht immer gibt es ein Erkennen auf Anhieb und noch seltener werden alle das Gleiche erkennen. Es ist erlaubt und gewünscht, wenn jemand unter Euch vielleicht jene alte idyllisch gelegene Kiesgrube entdeckt, die sich die Natur wieder zurückerobert hat. Eines werdet Ihr aber mit Sicherheit gemeinsam entdecken: Alle Bilder sind geprägt von einer tiefen Harmonie, sei es die ruhige Harmonie in den stets selbst gemischten und sorgfältig gewählten Farben oder sei es die Harmonie in den Formen und Strukturen. Wie könnte es auch anders sein, denn in dieser Entdeckung blickt Ihr quasi hinter das Bild auf den ganz wesentlichen Charakterzug von meiner lieben Freundin Liz. Ihre Ausgeglichenheit und Ruhe habe ich schon immer bewundert und sehr geschätzt. Auf die Frage, warum die Gemälde alle keinen klassischen Rahmen haben, sondern sich erhaben auf einem gefärbten breiten Rand präsentieren, erhielt ich die Antwort „Weil es mir so gefällt“. Und diese Aussage soll nun auch das Stichwort sein, mit dem ich Euch in die Vernissage und die Betrachtung der Bilder verabschieden möchte.
So wie Liz sich die Freiheit nimmt zu entscheiden, wann ein Bild ihr Bild geworden ist, nehmt Euch die Freiheit zu entscheiden ob es Euer Bild ist. Sie wünscht es sich so.